1. Was ist Value-Investing bei Nebenwerten?
Value-Investing – geprägt von Benjamin Graham und popularisiert durch Warren Buffett – bedeutet, Aktien zu kaufen, die unter ihrem inneren Wert gehandelt werden. Bei OTC-Nebenwerten ist dieser Ansatz besonders vielversprechend, weil der Markt für kleine und unbekannte Aktiengesellschaften von Natur aus ineffizienter ist als der für DAX-Konzerne.
Die geringe Analystenabdeckung, die fehlende Medienpräsenz und die eingeschränkte Handelbarkeit sorgen dafür, dass viele OTC-Aktien dauerhaft zu niedrigen Bewertungen gehandelt werden – selbst wenn das dahinterstehende Unternehmen profitabel, schuldenfrei und mit einer langen Geschichte gesegnet ist.
Typische OTC-Value-Kandidaten sind Familienunternehmen mit regionaler Marktposition, kleine Reedereien auf festen Linienrouten oder historische Aktiengesellschaften mit konstantem Cashflow. Diese Unternehmen wachsen selten spektakulär, halten aber über Jahrzehnte ihre Marktstellung und zahlen verlässlich Dividenden.
2. Fundamentale Analyse: KGV, KBV & Dividendenrendite
Da OTC-Aktien nicht in den einschlägigen Finanzdatenbanken gelistet sind, müssen Anleger Kennzahlen selbst berechnen. Die Grundlage bilden der Jahresabschluss (Handelsregister, Bundesanzeiger) und die Angaben auf der Unternehmenswebsite oder in Hauptversammlungsberichten.
Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV)
Das KGV setzt den aktuellen Aktienkurs ins Verhältnis zum Gewinn je Aktie. Bei OTC-Aktien ist der Gewinn je Aktie oft aus dem Jahresabschluss zu ermitteln: Jahresüberschuss geteilt durch die Anzahl ausgegebener Aktien (Grundkapital / Nennwert).
Formel: KGV = Aktienkurs ÷ Gewinn je Aktie
Ein KGV von unter 10 gilt bei Nebenwerten vieler Praktiker als günstig, wobei zyklische Unternehmen (z. B. Reedereien) in guten Jahren ein niedriges KGV aufweisen können, ohne dass dies nachhaltig ist.
Kurs-Buchwert-Verhältnis (KBV)
Das KBV vergleicht den Marktwert der Aktie mit dem buchmäßigen Eigenkapital je Aktie. Bei OTC-Aktien ist das KBV besonders aufschlussreich, da das Eigenkapital für Anleger im Liquidationsfall relevant ist.
Formel: KBV = Aktienkurs ÷ (Eigenkapital / Anzahl Aktien)
Viele OTC-Aktien werden unter Buchwert gehandelt (KBV < 1). Das bedeutet: Der Markt bewertet das Unternehmen geringer als sein Nettovermögen. Ob das gerechtfertigt ist, hängt von der Qualität der Vermögensgegenstände ab.
| Kennzahl | Formel | Richtwert (günstig) | Datenquelle |
|---|---|---|---|
| KGV | Kurs / Gewinn je Aktie | < 10–12 | Jahresabschluss, Bundesanzeiger |
| KBV | Kurs / Buchwert je Aktie | < 1,0 | Jahresabschluss, Eigenkapital |
| Dividendenrendite | Dividende / Kurs × 100 | > 3–5% | HV-Protokoll, Bekanntmachung |
| Eigenkapitalquote | EK / Bilanzsumme × 100 | > 40% | Bilanz |
3. Dividendenrendite als Bewertungsmaßstab
Viele OTC-Aktien zahlen trotz fehlender Börsenpflicht regelmäßige Dividenden. Bei langfristigen Investments ist die Dividendenrendite oft das entscheidende Bewertungskriterium, da Kursgewinne bei illiquiden Papieren schwer zu realisieren sind.
Die Dividende wird auf der Hauptversammlung beschlossen und im Bundesanzeiger veröffentlicht. Anleger sollten prüfen: Wurde in den letzten 10 Jahren regelmäßig Dividende gezahlt? Wurde sie auch in schwierigen Jahren aufrechterhalten?
Für langfristige Anleger empfiehlt sich die Berechnung einer Yield-on-Cost (YoC): die Dividende bezogen auf den ursprünglichen Kaufpreis. Wer eine OTC-Aktie vor Jahren günstig gekauft hat, kann trotz bescheidenem Kurswachstum eine attraktive Dividendenrendite auf seinen Einstandspreis erzielen.
4. Positionsgröße richtig festlegen
Die größte Gefahr beim OTC-Investing ist nicht die Insolvenz eines Unternehmens, sondern die Konzentration: Zu viel Kapital in einer einzigen, illiquiden Aktie gebunden zu haben. Die Positionsgröße muss deshalb sorgfältig festgelegt werden.
Als Faustregel gilt unter erfahrenen Nebenwerte-Investoren: Eine einzelne OTC-Position sollte nicht mehr als 2–5% des Gesamtportfolios ausmachen. Bei besonders illiquiden Titeln oder Unternehmen ohne Jahresabschluss-Transparenz empfehlen sich eher 1–2%.
Konzentration über 10%
Wenn eine OTC-Position mehr als 10% des Depots ausmacht, können Liquiditätsprobleme beim Verkauf das Gesamtportfolio erheblich schädigen.
Position 5–10%
Für sehr gut analysierte, solide Unternehmen mit langer Dividendenhistorie akzeptabel – aber nur mit klarer Exit-Strategie.
Position 1–5%
Typische Empfehlung für OTC-Positionen. Ermöglicht Diversifikation über mehrere Nebenwerte bei kontrollierbarem Risiko.
5. Diversifikation im OTC-Depot
Diversifikation bei OTC-Aktien bedeutet nicht nur die Streuung auf mehrere Einzeltitel, sondern auch die Streuung über Branchen, Regionen und Unternehmensgrößen. Da viele OTC-Aktien aus ähnlichen Bereichen stammen (Reedereien, regionale Banken, Immobilien), besteht schnell ein Klumpenrisiko.
Empfehlenswert ist eine Mischung aus:
- Verschiedenen Sektoren: Nicht nur Reedereien, sondern auch Handels-AGs, Banken, Industrieunternehmen
- Verschiedenen Regionen: Norddeutsche Reedereien, süddeutsche Familienunternehmen, ostdeutsche Regionalbanken
- Verschiedenen Liquiditätsklassen: Einige relativ häufig gehandelte OTC-Titel plus einige sehr seltene "Raritäten"
Wichtig: OTC-Aktien sollten stets nur einen Teilbereich des Gesamtportfolios bilden. Der Hauptteil sollte aus börsengehandelten ETFs oder Aktien bestehen, die jederzeit veräußert werden können. OTC-Positionen eignen sich als Beimischung für erfahrene Anleger mit langem Anlagehorizont.
6. Schritt-für-Schritt: OTC-Portfolio aufbauen
Nutzen Sie die Liste der bei Valora Effekten Handel gehandelten ca. 112 Aktien als Ausgangspunkt. Filtern Sie nach Branchen, die Sie verstehen und in denen Sie die Geschäftsberichte beurteilen können.
Beziehen Sie die letzten 3–5 Jahresabschlüsse aus dem Bundesanzeiger oder direkt beim Unternehmen. Achten Sie auf: Eigenkapitalentwicklung, Dividendenhistorie, Umsatz- und Gewinnstabilität.
Berechnen Sie KGV, KBV und Dividendenrendite. Vergleichen Sie mit ähnlichen börsennotierten Unternehmen als Referenzpunkt für eine angemessene Bewertung.
Legen Sie die Zielpositionsgröße (1–5% des Depots) fest. Kaufen Sie nicht alles auf einmal – staffeln Sie den Einstieg über mehrere Transaktionen, um den durchschnittlichen Einstandspreis zu optimieren.
Verfolgen Sie jährlich den Jahresabschluss und die Hauptversammlungsbeschlüsse. Bei wesentlichen Änderungen im Geschäftsmodell oder der Finanzlage: Position überprüfen.