Ratgeber

Nebenwerte & OTC-Aktien kaufen – Was Anleger wissen müssen

Außerbörslich gehandelte Aktien bieten Chancen abseits der großen Börsenplätze. Dieser Ratgeber erklärt Risiken, Chancen, rechtliche Besonderheiten und die wichtigsten Begriffe beim OTC-Handel.

1. Was sind OTC-Aktien?

OTC steht für Over the Counter – auf Deutsch: „über den Tresen". OTC-Aktien sind Wertpapiere, die nicht an einer regulären Börse wie der Frankfurter Wertpapierbörse oder dem XETRA gehandelt werden, sondern direkt zwischen Käufer und Verkäufer über spezialisierte Handelshäuser.

In Deutschland ist die Valora Effekten Handel AG (gegründet 1988, Ettlingen) der bedeutendste OTC-Marktmacher für Inhaberaktien kleiner und mittelständischer Unternehmen. Valora stellt für ca. 112 Aktien verbindliche Geld- und Briefkurse.

Typische OTC-Aktien in Deutschland: Familienunternehmen, Reedereien, Regionalbanken, kleine Immobiliengesellschaften, historische Aktiengesellschaften mit langer Tradition (z. B. AG Norden-Frisia, gegründet 1875).

OTC vs. Börsenhandel – die wichtigsten Unterschiede

MerkmalBörse (XETRA/Frankfurt)OTC (z.B. Valora)
TransparenzHoch – Orderbook öffentlichGering – kein öffentliches Orderbook
LiquiditätHoch (Bluechips)Niedrig bis sehr niedrig
HandelszeitenMo–Fr 9–17:30 UhrMo–Fr 9–17 Uhr (telefonisch)
SpreadsEng (Cent-Bereich)Weit (oft 5–20%)
Mindestorder1 StückStückelungsabhängig
HandelswegOnline-BrokerTelefon, Depotbank
AufsichtBaFin, Deutsche BörseBaFin (WpHG), Gewerberecht

2. So kaufen Sie OTC-Aktien

Der Kauf einer OTC-Aktie läuft anders ab als der Kauf über eine Börse. Es gibt keinen Online-Orderbutton – stattdessen erteilen Sie den Auftrag über Ihre Depotbank oder direkt bei Valora.

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Depot eröffnen

Sie benötigen ein Wertpapierdepot bei einer Bank, die den OTC-Handel mit Valora ermöglicht. Fragen Sie explizit nach: „Können Sie Inhaberaktien von Valora Effekten Handel AG für mich kaufen?"

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Kurs anfragen

Rufen Sie bei Ihrer Depotbank oder direkt bei Valora an (Tel. 07243 / 9 40 90) und fragen Sie nach einem verbindlichen Kurs für die gewünschte ISIN. Der Briefkurs ist Ihr Kaufpreis.

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Order erteilen

Erteilen Sie die Order mit: ISIN, Stückzahl, Kursart (Briefkurs oder Limit). Limits sind ratsam, um nicht zu einem schlechten Kurs einzukaufen.

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Abwicklung & Verwahrung

Die Abwicklung erfolgt über Ihre Depotbank. Prüfen Sie vorab, ob diese Inhaberaktien verwahren kann – manche Direktbanken lehnen dies ab.

Wichtig: Bei sehr kleinen Stückelungen (z. B. 100 EUR Nennwert) können Stückelung und Mindestorder relevant sein. Klären Sie dies mit Ihrer Bank vorab.

3. Risiken & Besonderheiten

Hohes Risiko

Illiquidität

OTC-Aktien haben oft kaum Handelsvolumen. Es kann Tage oder Wochen dauern, bis ein Käufer oder Verkäufer gefunden wird. Im Notfall sind Positionen nicht schnell verkäuflich.

Hohes Risiko

Weite Spreads

Die Differenz zwischen Geld- und Briefkurs beträgt oft 10–25%. Bei der AG Norden-Frisia z. B. ca. 380 EUR Spread. Jeder Kauf beginnt bereits im Minus.

Mittleres Risiko

Geringe Transparenz

Viele OTC-Unternehmen veröffentlichen keine Quartalsberichte. Jahresabschlüsse sind oft nur im Bundesanzeiger verfügbar und mit Verzögerung.

Mittleres Risiko

Kein Insolvenzschutz bei Emittent

Im Insolvenzfall des Unternehmens sind Aktionäre nachrangig. Der Totalverlust ist möglich und wird nicht durch staatliche Einlagensicherung abgedeckt.

Hinweis

Bewertungsschwierigkeiten

Ohne Börsenhandel gibt es keinen "fairen Marktpreis". Valora stellt Kurse als Marktmacher – diese spiegeln Angebot und Nachfrage wieder, aber nicht zwingend den inneren Unternehmenswert.

Hinweis

Paketgeschäfte

Große Transaktionen werden oft als "Paket" außerhalb des regulären Quotierungssystems gehandelt. Diese Kurse erscheinen nicht im normalen Kursverlauf.

4. Nebenwerte-Strategie

Wer gezielt in OTC-Nebenwerte investiert, verfolgt oft eine Value-Investing-Strategie: Suche nach unterbewerteten Unternehmen mit solidem Geschäftsmodell, die aufgrund geringer Bekanntheit günstig zu haben sind.

Typische Merkmale interessanter OTC-Nebenwerte:

  • Lange Unternehmensgeschichte (z. B. >50 Jahre) – deutet auf Krisenresistenz hin
  • Regelmäßige Dividenden – trotz fehlender Börsenpflicht zahlen viele OTC-AGs stabile Dividenden
  • Familienkontrollierte Unternehmen – oft konservativ geführt, wenig Verschuldung
  • Niedrige Kurs-Buchwert-Verhältnisse – wenn Grundkapital und Aktienanzahl bekannt sind, lässt sich eine grobe Bewertung anstellen
  • Nischen-Monopole – z. B. regionale Reedereien auf festen Routen ohne direkten Wettbewerb
Positionsgröße beachten: Angesichts der Illiquidität sollten OTC-Positionen nur einen kleinen Teil eines breit diversifizierten Depots ausmachen. Empfehlung vieler Privatanleger: max. 1–5% pro Position.

5. Das richtige Depot

Nicht jede Depotbank verwahrt Inhaberaktien. Vor allem Direktbanken und Neobroker lehnen OTC-Inhaberaktien häufig ab. Folgende Kriterien sind entscheidend:

  • Unterstützung von Inhaberaktien (nicht nur Namensaktien)
  • Möglichkeit der telefonischen Orderaufgabe oder Kooperation mit Valora
  • Keine prohibitiven Depotgebühren für illiquide Wertpapiere
  • Gute Erreichbarkeit des Kundendienstes (wichtig bei Telefon-Orders)

Klassische Filialbanken, Volksbanken, Sparkassen sowie spezialisierte Depotbanken sind oft besser geeignet als reine Online-Broker.

6. Steuerliche Behandlung

OTC-Aktien unterliegen denselben steuerlichen Regelungen wie börsengehandelte Aktien:

  • Kursgewinne werden mit der Abgeltungssteuer (25% + Soli + ggf. KiSt) besteuert
  • Dividenden unterliegen ebenfalls der Abgeltungssteuer (Kapitalertragsteuer)
  • Der Sparer-Pauschbetrag (1.000 EUR / 2.000 EUR für Ehepaare) kann auch für OTC-Erträge genutzt werden
  • Verluste aus Aktienverkäufen können nur mit Gewinnen aus Aktienverkäufen verrechnet werden (§ 20 Abs. 6 EStG)
  • Bei Dividenden aus dem Ausland (z. B. bei ausländischer ISIN) können Quellensteuerprobleme entstehen
Steuerlicher Hinweis: Diese Informationen sind allgemeiner Natur und kein steuerlicher Rat. Konsultieren Sie bei konkreten Fragen einen Steuerberater.

7. Rechtliches – Was Anleger wissen müssen

Wichtige rechtliche Aspekte beim OTC-Kauf:

  • § 34b WpHG / MAR: Kursmanipulation und Insiderhandel sind auch im OTC-Bereich strafbar
  • Prospektpflicht: Für rein OTC-gehandelte Aktien besteht in der Regel keine Prospektpflicht nach der EU-Prospektverordnung – Anleger erhalten daher weniger formale Schutzrechte
  • MiFID II / WpHG: Valora als Wertpapierdienstleister unterliegt der MiFID-II-Regulierung, muss Anleger klassifizieren und Geeignetheitsprüfungen durchführen
  • Einlagensicherung: Aktien in Ihrem Depot sind Sondervermögen und bei Insolvenz der Depotbank geschützt (§ 84 WpHG). Das Insolvenzrisiko des Unternehmens selbst ist davon nicht erfasst